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Vermählung - Rezension

Warum mich „Wintermädchen“ nicht mehr los lässt



Ende November habe ich mir spontan „Wintermädchen“ von Laurie Halse Anderson aus der Onleihe geliehen. Blogtechnisch betrachtet ein großer Fehler, ein sehr großer Fehler. Denn seit dem fällt es mir unglaublich schwer in andere Bücher reinzukommen.

„Wintermädchen“ zieht einen total in seinen Bann. Und lässt nicht mehr los. Genau wie die Sucht, die darin beschrieben wird.

Lia ist magersüchtig. Sie war schon in Therapie, sogar schon zweimal und geht auch regelmäßig zum Psychologen. Aber ändern tut das nichts. Für sie zählt nur: Dünn sein! Und wenn sie dafür Gewichte in ihren Bademantel einnähen muss damit ihre Stiefmutter nichts mitbekommt? Dann ist das so.

Bereits „Sprich“ hat mich vor 5 Jahren unglaublich mitgenommen, aber nicht so sehr wie „Wintermädchen“. Denn ich kann mir gut einreden, dass ich über eine Vergewaltigung gesprochen hätte.
Das mir sowas nie passiert wäre, weil ich ja nicht trinke und sowieso auch nie alleine mit jemanden mitgehen würde, dem ich nicht komplett vertraue. Aber selbst das ist eigentlich eine Lüge, nur halt eben eine die sehr gut ist.
Denn natürlich kann das jedem von uns passieren. Auch in Cola oder Apfelsaft ist GBL nicht schmeckbar und der Besitz davon ist in Deutschland nicht strafbar. Und auch kräftige Menschen oder Menschen mit Selbstverteidigungskenntnissen können im Falle eines Falles einfach einfrieren und gar nicht daran denken sich zu wehren. Und natürlich habe ich keine Ahnung, wie ich mit einer Vergewaltigung umgehen würde. Aber man fühlt sich sicher, weil es ja so viele Informationen über das Thema gibt.

„Wintermädchen“ ist etwas anderes. Ich habe die letzten 3 Jahre damit verbracht abnehmen zu wollen. Ich kenne die ungefähren Kalorienzahlen vieler Lebensmittel auswendig und stehe jeden Morgen auf der Waage.
Der Unterschied zu Lia: Ich bin nicht untergewichtig und habe auch nicht vor es jemals zu sein. Und ich mag es nicht Hunger zu haben. Außerdem liebe ich Schokolade. Aber in gewisser Weise sind Essstörungen nur einen Schritt entfernt.
Und ich bin ganz sicher nicht die Einzige, die sich so verhält. Die so denkt. Oder hast du in deinem Leben noch nie gedacht „Ich könnte eigentlich auch mal ein wenig abnehmen“ oder „Jetzt muss ich mich aber etwas zurückhalten mit den Essen sonst werde ich fett“?

Lias Leben ist außer Kontrolle geraten und sie sucht Halt in dem Einzigen was sie kontrollieren kann: Ihr Gewicht. Ihr Aussehen. Ihr Tight Gap und ihre hervorstehenden Beckenknochen. Ihre Mutter ist die unerreichbare Halbgöttin in Weiß. Ein Chirurgin, gefragt und angesehen. Ihr Vater ist ein College-Professor und hasst Lias Mutter. Lia ignoriert er, schließlich muss er noch dieses Buch schreiben und recherchieren und…

Die meiste Zeit habe ich nur gedacht: Warum? Warum gibt es keine andere Möglichkeit? Im Laufe des Buches wurde es mir langsam klar, aber verstörend finde ich es dennoch. Denn eine einfache Antwort gibt es nicht, es gibt keinen klar definierten „point of no return“.
Die Antworten, die ich haben wollte wurden mir nicht gegeben. Ich sitze am Ende und hier bleibe mit meinen Fragen zurück. Etwas das Laurie Halse Anderson sicherlich bewusst ist, denn nur so fängt man an selbst nachzudenken. Aber manchmal bringt einen das etwas zu nahe an das eigene Selbst.
Und angesichts des allgemeine Schlankheitswahns fragt man sich: Sind wir nicht alle gestört? Auch wenn wir nicht untergewichtig sind? Denn die meisten unsere „Vorbilder“ sind es ganz sicher. Wir reden über Low Carb und Low Fat und Vitamine und Mineralstoffe und low GI Foods und Fettverbrennung und und und. Es ist normal. Aber ist das nicht gestört? Ein gesundes Verhältnis zum Thema Essen ist es sicherlich nicht.

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